Eine kleine Torschusstheorie

5 Aspekte des erfolgreichen Torschusses

Veröffentlicht: 30.12.2017  5/5

Wer uns schon länger verfolgt, kennt sie bereits - unsere kleine Torschusstheorie. Im folgenden Text fassen wir nochmal die 5 wesentlichen Aspekte der kleinen Torschusstheorie für Euch zusammen. Im letzten Teil wollen wir uns mit der Schussgenauigkeit befassen.

V. Die Schussgenauigkeit

Jeder Trainer, Zuschauer und selbst die fünfjährige Schwester am Spielfeldrand sieht, ob ein Ball im Tor gelandet ist oder nicht. Aber was sagt der Torerfolg schon über die Schussgenauigkeit aus? Versetzen wir uns zurück in das Jahr 1997. Ich saß als Kind vor dem Fernseher - Roberto Carlos läuft gegen Frankreich zu einem einmaligen Kunstschuss an, den er bis heute selbst nicht begreift. Die Welt der Physik war in zarte Erregung versetzt, als der Ball eine Flugkurve ins Tor nahm, die eigentlich nur durch einen zweiten Erdmond zu erklären war. Der Einschlagspunkt des Balls lag genau neben dem Pfosten. Er hätte somit nicht präziser geschossen werden können.

Wolltest du den so schießen?

Genauigkeit setzt eine Absicht voraus

Zeichnung: SuperManu und Мельников Александр, via Wikimedia Commons

The ball was going completely wide but the wind brought it back to the goal. It was a miracle.

 

L'Equipe

Allerdings sagt Roberto Carlos auch heute noch, dass er ursprünglich ganz woanders hingezielt hatte. Nur der Wind trug seinen Ball ins Tor. Auch wenn der Ball seinen Weg ins Tor fand, war er laut Roberto Carlos unpräzise geschossen! Unerwartete Aktionen schmälern glücklicherweise nicht den Wert eines Tores und machen den Fußball so einmalig.

 

Die Bewertung der Genauigkeit setzt dennoch einen Abgleich zwischen der Absicht und der anschließenden Abweichung voraus. Im Basketball lässt sich die Abschlussgenauigkeit leicht bestimmen, da der Durchmesser des Korbes nur geringfügig größer ist, als der Durchmesser des Basketballs. Daraus ergibt sich, abgesehen vom Brett, nur ein Zielbereich, mit einem geringen Toleranzbereich für Ungenauigkeiten. Im Fußball ist der Größenunterschied zwischen dem Durchmesser des Spielballs und des Zielbereiches wesentlich stärker ausgeprägt. Dadurch existieren mehrere Teilzielbereiche im Tor, wie etwa oben links oder unten rechts. Sie gewähren dem Fußballspieler, verglichen mit dem Basketballspieler, einen ungleich größeren Toleranzbereich für Ungenauigkeiten. Lässt sich die Abschlussgenauigkeit im Fußball dann überhaupt statistisch erfassen? Niemals vollständig! Schließlich müsste der vom Spieler anvisierte Teilzielbereich erfassbar sein, um ihn anschließend mit dem Einschlagspunkt des Balls abzugleichen. Dennoch lassen sich aus den einfachen Schussstatistiken Tendenzen der Schussgenauigkeit ablesen.

Deutung der einfachen Schussstatistik

Mittels einer einfachen Schussstatistik, haben wir versucht, eine Entwicklungsanalyse der kollektiven Schussgenauigkeit für vier Profi-Vereine vorzunehmen (Stand: 17.02.2017).

 

SV/S ⇒ Schussversuche pro Spiel

FS/S ⇒ Fehlschüsse pro Spiel

TS/S ⇒ Torschüsse pro Spiel

TS/T ⇒ Torschüsse pro Tor

Grün ⇒ Verbesserung im Vergleich zur Vorsaison

Rot ⇒ Verschlechterung im Vergleich zur Vorsaion

 

Die schusswütigen Präzisionsmonster

TSG 1899 Hoffenheim

Im Vergleich zur vergangenen Saison produzierte die TSG 1899 Hoffenheim in der Folgesaison ...:

  • ... pro Spiel im Schnitt 2,6 Schussversuche mehr,

  • ... pro Spiel im Schnitt einen Fehlschuss mehr,

  • ... pro Spiel im Schnitt einen Torschuss mehr,

  • ... im Schnitt ein Tor bereits mit rund einem Torschuss weniger. 

Die Entwicklung der Torschusshäufigkeit, bei gleichzeitigem Abbau der benötigten Torschüsse pro Torerfolg, deutet ganz klar auf ein verbesserte Schussgenauigkeit bzw. Treffsicherheit der Kraichgauer hin. 

Die schussmüde Krisenelf

Borussia Mönchengladbach

Mit Hoffenheim haben wir zunächst eine Mannschaft präsentiert, deren positive Entwicklung sich auch aus ihrer Schussstatistik ablesen ließ. Ähnlich ist es auch bei Borussia Mönchengladbach, allerdings in die andere Richtung. Die Borussia ...:

  • ... unternahm pro Spiel durchschnittlich 2 Schussversuche weniger,

  • ... brachte im Schnitt nur noch 4 Schüsse pro Spiel auf das Tor,

  • ... benötigte im Schnitt fast einen Torschuss mehr pro Torerfolg.

Wer pro Spiel fast zwei Torschüsse weniger produziert und dabei auch noch durchschnittlich für jedes Tor einen Torschuss mehr benötigt, wird es schwer haben, Spiele zu gewinnen. 

Die sparsamen Schwaben

VfB Stuttgart

Der VfB Stuttgart spielte zu dem Zeitpunkt in der zweiten Bundesliga, was auch auf die schwache Schussbilanz der vergangenen Saison zurückgeführt werden konnte. Interessant ist die Entwicklung der Stuttgarter Schussbilanz, ...:

  • ... die beinahe Deckungsgleich mit der Bilanz von Borussia Mönchengladbach verlief,

  • ... die aber einen deutlich besseren TS/T-Wert aufweist, weil Stuttgart fast zwei Torschüsse weniger für einen Torerfolg benötigte.

Der TS/T-Wert zeigt, dass sich die Schussgenauigkeit der Stuttgarter enorm entwickelt haben muss. Hier haben die Stuttgarter einen interessanten Weg eingeschlagen. Die Anzahl der Schussversuche ist deshalb gesunken, weil sie seltener aus der Distanz schießen. Sie versuchen sich demnach häufiger in Abschlusssituationen zu spielen, die eine höhere Erfolgsquote versprechen.

Chancenfressende Füchse

Leicester City

Ein internationales Beispiel, das einen der größten Abstürze in der Fußballgeschichte beschreibt, lieferte zu der Zeit Leicester City. Nach dem sensationellen Meistertitel im Vorjahr, erzielte Leicester in der Folgesaison ... :

  • ... pro Spiel im Schnitt rund drei Schussversuche weniger,

  • ... pro Spiel im Schnitt rund einen Fehlschuss weniger,

  • ... pro Spiel im Schnitt rund einen Torschuss mehr,

  • ... im Schnitt erst mit jedem vierten Torschuss ein Tor.

Ob sie im Meisterjahr mehr Abschlussglück oder Abschlusskönnen besaßen, wollen wir an dieser Stelle nicht bewerten. Fest steht, dass sich ihre Schussgenauigkeit bzw. Treffsicherheit deutlich verschlechtert hatte.

Kraft wirkt nur mit Präzision

Einfache Schussstatistiken können einen guten Einblick in die Entwicklungstendenzen und mögliche Entwicklungsursachen der Schussgenauigkeit einer Mannschaft geben. Die Grundlage der mannschaftlichen Schussstatistik bilden die individuellen Schussstatistiken ihrer Spieler. Zu einer Verbesserung der mannschaftlichen Schussgenauigkeit, kann es demnach nur durch die permanente Entwicklung der individuellen Schussgenauigkeit kommen. Sie verkörpert die Basis des erfolgreichen Torschusses und ermöglicht es, Torhüter regelmäßig zu unkontrollierten Abwehrhandlungen zu zwingen, die das eigene Offensivspiel bereichern können. Eine ausgeprägte Schussgenauigkeit erhöht ...:

  • ... die Wahrscheinlichkeit eines Torerfolgs,

  • ... die Wahrscheinlichkeit auf "einfache Tore" durch Rebounds/Apraller,

  • ... die Wahrscheinlichkeit einer neuen Torchance in Form eines Eckballs.

Verfügen Spieler hingegen über eine schlechte Schussgenauigkeit, werden Torhüter seltener in unkontrollierte Abwehraktionen gezwungen, sodass das Resultat einer Torabschlusssituation häufiger eine gegnerische Spielfortsetzung sein wird.

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